Sounds und Freigeister

Success Story | 04.02.2020 | Text: Martina Bortolani

Die Genossenschaft Red Brick Chapel ist ein zeitgemässes Kollektiv eigenständig denkender Schweizer Musikerinnen und Musiker

Er sieht ziemlich genau so aus wie man sich einen Indie-Musiker vorstellt: Jeans, Wollpullover, New Balance-Turnschuhe, Bart und Parka. Wenn Christian Müller aka The Fridge, dann zu erzählen beginnt, merkt man rasch, dass hinter der vermeintlichen Hipstertarnung ein ambitionierter und kritischer Zeitgenosse steckt, der sich von der breiten Masse abhebt. Zusammen mit Simon Borer (Musikername: Long Tall Jefferson) ist er Co-Gründer und Geschäftsstelleneiter der Genossenschaft Red Brick Chapel, ein Plattenlabel der etwas anderen Art.

Seit man den gemeinnützigen Verein in eine Genossenschaft umgewandelt habe, sei vieles einfacher geworden und laufe organisierter ab. Und auch das Selbstvertrauen in die eigene Arbeit sei gestiegen. Ausserdem hat sich RBC, so die offizielle Abkürzung, in den letzten Jahren zu einem richtigen Trophylabel entwickelt. Kein Wunder. Als zeitgemässes Kollektiv bietet es autarken Künstlern eine echte Alternative im Musikgeschäft. Zum eklektischen Lineup zählen per dato 17 Bands respektive 34 Einzelmitglieder. Viele der Künstler besetzen kleine, feine Genrenischen. Vergleicht man das Plattenlabel mit kommerziell produzierenden Hitfabriken, wäre Red Brick Chapel wohl so etwas wie eine Manufaktur für langlebige Qualitätsprodukte. Zur Familie zählen Combos wie die Instrumental-Tüftler Flieder, die Genfer Folkband Quiet Island oder das Quartett Alois, das Dreampop aus Luzern ähnlich sexy klingen lässt wie Melodien von Sonic Youth aus New York.

Die Red Brick Chapel Genossenschaft hat sich vom Mini-Kollektiv zum Trophylabel entwickelt

«Alle bei uns sind selber Musikerinnen und Musiker», sagt Christian Müller. Das tönt simpel, ist aber für den Singer-Songwriter so etwas wie das Herzstück der Philosophie. In der Musikbranche geht es seit je her nicht nur um Plattenverkäufe (oder im Zuge der Digitalisierung um Downloads bei Spotify), sondern um Urheberrechte und damit auch um monetäre Anteile. Als Genossenschafterin und Genossenschafter bei Red Brick Chapel, erklärt Müller, profitiere man als Künstler eines Werkes mehrfach: Man sei Urheber, Inhaber und Verleger.

So auch Louise Meynard, Sängerin bei der aufstrebenden Genfer Band Quiet Island. Der Entscheid, Teil von Red Brick Chapel zu werden, so Meynard, sei enorm bereichernd für ihre Arbeit. «Das Label arbeitet professionell, transparent und lässt uns künstlerisch absolute Freiheit, das ist selten», sagt Meynard, die in Frankreich lebt. Ausserdem sei es mittlerweile «ja auch eine Ehre, überhaupt aufgenommen zu werden. «Denn es wollen viele rein, aber nur wenige dürfen» sagt sie. Tatsächlich: Pro Woche landet mindestens eine Anfrage auf dem Tisch von Müller und Borer. Da es für jede neue Aufnahme ein einstimmiges Ja aller Genossenschafter braucht, bleibt das Lineup exklusiv. Man wachse organisch und das sei gut so, sagt Müller. Diese Strategie hat weniger mit Snobismus zu tun, als mehr damit, sich homogen auf dem Markt zu positionieren.

Das Mentoring für junge Künstler sei derzeit wichtigste Teil seiner Tätigkeit für RBC, sagt Simon Borer. Der Musiker ist dieser Tage zum ersten Mal Vater geworden und klinkt sich von zu Hause per Handy ins Gespräch ein. «Zusammen planen wir die anstehenden Veröffentlichungen. Gemeinsam versuchen wir, ihre Musik so gut wie möglich in der sich stetig ändernden Musiklandschaft zu platzieren». Der Anspruch sei immer, den Künstlern möglichst viel Spielraum bei einem Release zu bieten. Bedeutet: weniger Bürokratie, mehr Mut zur eigenen Strategie. Früher habe man über die Rechtsform gar nie nachgedacht, sondern als idealistischer Non-Profit-Verein gestartet und sich einfach ‘als Kollektiv’ verstanden, sagt Simon Borer. «Wie jedes idealistische Kollektiv haben auch wir in der Anfangszeit ständig und leidenschaftlich über unsere Identität nachgedacht». Das Problem solcher Endlosdiskussionen sei aber, dass sie einen von der eigentlichen Arbeit abhalten.

Der spezielle Name des Labels wirkt wie die Synkope in einer Melodie

Red Brick Chapel ist als unabhängiges Plattenlabel und als Genossenschaft in dieser Form einzigartig in der Schweiz. Nicht nur, was den speziellen Namen betrifft. Obwohl er anfangs verwirrt und offenbar auch im sechsköpfigen Vorstand immer mal wieder zur Debatte steht, ist er so typisch für die Macher hinter Red Brick Chapel. Denn er zeugt von jener humorvollen Leichtigkeit, die einigen Künstlern in ihrem Schaffen oft auch etwas abgeht. Mit einem Augenzwinkern tut sich bereits bei der Erklärung des Namens ein Echoraum auf. Oder, um es musikalisch zu sagen: Eine Synkope, eine kurze Verschiebung des gewohnten Rhythmus, die nicht nur eine Melodie, sondern eben auch eine Genossenschaft spannend macht.

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