Barmherzige Samariter reloaded

Success Story | 07.05.2020 | Text: Martina Bortolani

Die Genossenschaft Südland geht im Gesundheitswesen neue Wege. Anstatt die Gewinnoptimierung steht der Mensch im Zentrum. Anfang August eröffnet die Berner Kooperative mitten im Zentrum eine erste Arztpraxis. Sie gehört bereits jetzt zu einem Grossteil ihren eigenen Patientinnen und Patienten.

 

Ab und zu bleiben die Passanten hier im Monbijou-Quartier stehen und drücken neugierig die Stirn gegen die hohe Fensterfront zwischen Trottoir und Baustellenlandschaft. Auf leuchtgelben Plakaten prangen Begriffe wie Non-Profit und Community. Oder: Diese Praxis gehört Ihnen. Wir denken das Gesundheitswesen neu. Treten Sie bei. Denken Sie mit. Das interessiert die Menschen – nicht nur in der jetzigen Zeit. An der Effingerstrasse 15, im Erdgeschoss eines markanten Baus der Nachkriegsmoderne, eröffnet am 3. August 2020 die erste Südland-Praxis mit angrenzendem Forum. Hier empfängt uns Daniel Flach, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin. Er ist Ideenvater, Initiator und Mitgründer der pionierartigen Genossenschaft, die sich «für ein gesundes Gesundheitssystem» einsetzt. 

«Bei Südland steht der Mensch als Patient und nicht als Produktionsfaktor im Zentrum», sagt Daniel Flach. «Im Gegenteil. Er erhält als Teilhaber der Praxis sogar ein aktives Mitgestaltungsrecht». Von den rund 60 Genossenschafterinnen und Genossenschafter sind per dato tatsächlich nur wenige davon Mediziner oder Fachpersonen; über zwei Drittel machen ganz normale Bürgerinnen und Bürger aus. 

Der Überschuss wird vollumfänglich reinvestiert

Die Dachorganisation von Südland besteht aus einer Stiftung und einer Genossenschaft, der Gewinn wird vollumfänglich reinvestiert. Als Non-Profit-Unternehmen betreibt Südland künftig eigene Arztpraxen und übernimmt die medizinische Versorgung in Pflegeeinrichtungen. Das Kompetenzzentrum will sich aber auch als Themenführerin in Fragen zum Schweizer Gesundheitswesen oder als Schnittstelle zwischen Patienten und Medizinern etablieren. 

Südland sei ein teamorientiertes Projekt des Wandels, so Daniel Flach. «Wir bauen auf gegenseitiges Vertrauen, und jeder macht, was er gut kann. Gemeinsam möchten wir einen Paradigmenwechsel vollziehen», sagt er. Das Gesundheitswesen befinde sich im Umbruch und werde immer komplexer. Beispiele dafür: Da die Lebenserwartung kontinuierlich steigt, nehmen altersbedingte Erkrankungen zu. So werden Menschen in Zukunft bis ins hohe Alter stärker auf Lebensräume mit einer soliden medizinischen Grundversorgung angewiesen sein. Die Behandlungsqualität wird dank Forschung und Wissenschaft zwar immer besser, aber auch immer teurer. Sparmassnahmen und Kostendruck gehen zu Lasten von erschöpften Ärzten und hart schuftendem Pflegepersonal. Falsche Anreize schaffen da Hightech-Eingriffe, kostenintensive Therapien im stationären und ambulanten Bereich oder überteuerte Medikamente. Nicht zuletzt stellt uns auch die Digitalisierung vor Herausforderungen. Sie biete, so Flach für die Medizin zwar riesige Chancen, die gewaltige Datenmenge überfordere aber die meisten Akteure im Umgang mit der Sensibilität der Daten. Daniel Flach diskutiert leidenschaftlich, argumentiert aber faktenorientiert und verzichtet auf Kollegenschelte. «Es braucht ein Umdenken», sagt er. Mit der Gründung der Südland Genossenschaft möchte er beweisen, dass man als Ärzte- und Beratungsgemeinschaft einen hohen Qualitätsstandard garantieren kann, ohne dabei ständig auf den Profit zu schielen. «Denn bei all diesen Themen steht mittendrin ja immer der Mensch, der Patient. Mit seiner Würde und seinen Bedürfnissen.» 

Mit der Lancierung von Südland setzt Daniel Flach ein erstes Zeichen und interpretiert mit diesem zukunftsfähigen Businessmodell auch eine seiner Lieblingsgeschichten neu: Die des barmherzigen Samariters. Die Erzählung eines Handelsreisenden, der sich auf seiner Reise aus Nächstenliebe um einen Verletzten kümmert. «Darum bin ich Arzt geworden. Um den Menschen zu helfen», sagt er und strahlt.

Warum wir an die Genossenschaft glauben?

...«weil ich als einzelne Genossenschafterin Verantwortung im Aufbau und Handeln von Südland übernehme kann.» Nelly Botta, Kommunikation Südland 

...«weil die Genossenschaftsform sich gerade dann bewährt, wenn sich eine gemeinsame Vision um mehr als nur um Quartalszahlen und Umsatzsteigerung dreht.» Daniel Flach, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin

...«weil uns das Gesundheitswesen alle betrifft und es deshalb mehr Mitsprache- und Teilnahmerecht braucht. Die Genossenschaftsform ermöglicht uns, unsere Arbeit im Gesundheitswesen transparent zu machen.» Bernhard Zaugg, Mitgründer Suedland